Um 10,7 Prozent gegenüber dem Vormonat sind die Auftragseingänge im deutschen Verarbeitenden Gewerbe real eingebrochen, meldete das Statistische Bundesamt am 5. Mai, gegenüber dem Vorjahr sogar um 11 Prozent. Und am 8. Mai folgten dann die Produktionszahlen. Sie sind um 3,4 Prozent gegenüber dem Vormonat eingebrochen, was immerhin einem Anstieg von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Gleichwohl klingt das erstmal nach hartem Toback und scheint nicht zu dem Geschehen an der Börse zu passen, wo der Dax in Reichweite eines neuen Rekordhochs handelt. Wie wenig das passt, zeigt auch der „Chart der Woche“, denn hier klafft eine große Lücke zwischen der Entwicklung der Auftragseingänge und dem Aktienindex.

Wie ist das zu erklären? Sicherlich nicht damit, dass der Dax seit der Erweiterung von 30 auf 40 Mitglieder einen deutlich höheren Dienstleistungsanteil aufweist. Vielmehr ist diese Anomalie einmal mehr mit den Verzerrungen aus der Covid-Zeit zu erklären. Vor allem 2021, aber auch 2022 wurden aufgrund der Unsicherheiten bei den globalen Lieferketten die Lagerbestände etwas höher als sonst gehalten. Verändertes Konsum- und Arbeitsverhalten führte zudem zu Investitionsschüben in manchen Sektoren. Gleichzeitig führte aber auch das absehbare Ende der Covid-Maßnahmen und die sich daraus ergebene konjunkturelle Belebung zu einem außergewöhnlichen Anstieg der Auftragseingänge. Dies hat dazu geführt, dass die Auftragsbücher trotz schwächelnder Neuaufträge immer noch prall gefüllt sind, wie der „Chart der Woche“ ebenfalls zeigt. Für den Februar wies das Statistische Bundesamt eine durchschnittliche Reichweite des Auftragsbestands im Verarbeitenden Gewerbe von 7,5 Monaten aus. Nur knapp unter den rekordhohen acht Monaten Anfang 2022, aber deutlich über dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre, der unter sechs Monaten lag. Dies heißt nicht, dass man über die Schwäche bei den Neuaufträgen einfach hinweg sehen sollte. Aber solange aus den Rückgängen kein Trend werden sollte, stützen die Zahlen das konjunkturelles Bild für dieses Jahr: kein Boom, kein Absturz, eher eine „stabile Seitenlage“. Das würde jedoch noch nicht erklären, warum der Dax nah seinem historischen Hoch notiert. Hierzu muss man auch noch die Gewinnentwicklung des Index betrachten. Die Gewinne stehen auf Rekordhoch für das abgelaufene Jahr. Und, wenn man dem Konsens der Analysten trauen darf, werden 2023 und 2024 weitere Rekorde folgen. Auch wenn hier manche weniger optimistisch in die Zukunft blicken dürften, so gehen etwa die DWS immerhin davon aus, dass sich der deutsche Leitindex dieses Jahr relativ besser entwickeln dürfte als der globale Index.

 

 

Aus dem Börse Express PDF vom 15.05.2023 

Screen 15052023

 

 

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