Das Wiener Staatsballett hat sich auch zum Saisonschluss 2018 um seine Sommerpause verdient gemacht: Gestern, Freitag, Abend, feierte man das klassische und etwas weniger klassische Ballett wieder ausführlich mit der traditionell opulenten Nurejew-Gala. Und krönte den Abend mit einer Ehrung für Direktor Manuel Legris.


Der ebenso glanzvolle wie marathonhafte Galaabend mit rund 20 Stücken - manche nur kurze Kostproben, andere in voller Länge - ist seit Legris' Amtsantritt in der Saison 2010/11 jedes Jahr Treffpunkt für hartgesottene Ballettfans und ein Schaufenster in die stetig fortschreitende Qualitätssteigerung der Wiener Compagnie. Jahrhunderttänzer Rudolf Nurejew, Legris' Lehrer und Förderer und einst ebenfalls in Wien tätig, dient als Spiritus Rector - von einer reinen Sammlung seiner Choreografien hat man sich aber längst verabschiedet.


Vielmehr versucht Legris, die Compagnie, aber auch die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Choreografen in Nurejews Sinne zu führen. Und so kommen in diesem kuratierten Schaulaufen nicht nur alle solistisch und halbsolostisch tätigen Tänzer des Ensembles in technisch versatilen oder charaktervollen Rollen zum Einsatz, man achtet auch auf ein Gleichgewicht klassischer Stücke und neuer oder moderner Kreationen. Heuer waren mit Eno Peci und Andras Lukacs zwei Tänzer-Choreografen aus den eigenen Reihen dabei und mit John Neumeier oder Boris Eifman arrivierte Säulen der internationalen Szene.


Neben den Fixgrößen der Compagnie - mit Olga Esina, Kiyoka Hashimoto und Ketevan Papava, die aus der Babypause zurück sind, war auch die Gruppe der Ersten Solistinnen fast wieder vollständig - hat Legris seinem Publikum heuer auch großzügig internationale Gäste geschenkt: Das erste Paar des Bolschoi, Olga Smirnova und Semyon Chudin gab in Jean-Christophe Maillots "The Taming of the Shrew" eine hinreißende Kostprobe seiner tänzerischen Sensibilität und in Balanchines "Jewels" seiner überragenden Technik. Mit Marianela Nunez und Vadim Muntagirov vom Royal Ballet waren die Principals jener Compagnie zu Gast, als deren Teil Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn von Frederick Ashton einst das ikonische Stück "Marguerite und Armand" auf den Leib choreografiert wurde. Anlässlich des heurigen 80. Geburtstags von Nurejew hatte Legris das tieftraurige Werk bereits ins Repertoire geholt, in der Gala tanzten es die Gäste in voller Länge und - insbesondere Nunez - mit großer emotionaler Intensität.


Aus dem aktuellen Repertoire wurden auch mit Edvard Clugs "Peer Gynt" - Erster Solist Davide Dato, der sich vor genau einem Jahr bei der Nurejew-Gala schwer verletzte, feierte nun in der Titelrolle sein berührendes Comeback - sowie mit Manuel Legris' choreografischem Debüt "Le Corsaire" Auszüge geboten, bereits in Japan auf Tournee war man mit der "Nureyew Celebration", einem Medley aus "Raymonda" und "Schwanensee", ebenfalls von Legris gebastelt. Zur Feierstunde für den Ballettdirektor wurde der lange Abend allerdings auch aus anderen Gründen: Zum einen konnte man den ehemaligen Etoile der Pariser Oper mit seiner früheren Kollegin Isabelle Guerin in Roland Petits "Le Rendez-Vous" auch wieder als Tänzer erleben. Und zum anderen wurde ihm auf offener Bühne nach dem Schlussapplaus die Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper sowie der entsprechende Ehrenring verliehen.


Staatsoperndirektor Dominique Meyer bedankte sich in einer sehr persönlichen Ansprache bei seinem Ballettchef, mit dem ihn eine lange Geschichte verbindet: Als Legris der Star der Pariser Compagnie war, wurde Meyer dort Direktor. "Er hat alles getanzt. Und wenn man ihn tanzen gesehen hat, konnte man es nicht mehr vergessen." Ein Jahr lang habe ihn Legris auf die Zusage zu der Wiener Position warten lassen, ehe er in Paris seinen Tänzerabschied feierte - "mit 45 Minuten Standing Ovations", erinnerte sich Meyer. Es gebe in Summe nur 37 Ehrenmitglieder der Wiener Staatsoper, darum sei er sehr glücklich, Legris' Verdienste um die Compagnie mit diesem Titel würdigen zu können. Die unermüdliche, "minutiöse" Hinwendung zu den einzelnen, vor allem auch jungen Tänzern, die Strukturmaßnahmen an der Ballettschule und an der Hierarchie des Ensembles, aber auch die programmatische Erweiterung des Repertoires hätten sich nicht zuletzt in Zahlen niedergeschlagen - mit 98 Prozent Auslastung sei das Ballett der Oper heute gleichgestellt.